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Richter 9,6

Fromme Kulisse

Und alle Bürger von Sichem und das ganze Haus Millo versammelten sich und gingen hin und machten Abimelech zum König bei der Terebinthe des Denkmals, die in Sichem steht. Richter 9,6

Israels erster König (wenn man ihn so nennen darf) wird unter einem Baum gekrönt. Klingt fast romantisch. Ist es aber nicht.

Ganz Sichem ist auf den Beinen. Die Bürger der Stadt, das Haus Millo, also die Leute aus der Festung, alle versammeln sich bei der Terebinthe am Denkmal. Ein feierlicher Moment. Und keiner scheint sich daran zu stören, dass an den Händen des neuen Königs noch das Blut seiner Brüder klebt.

Interessant ist der Ort. Unter genau diesem Baum hatte Josua am Ende seines Lebens einen großen Stein aufgestellt (Jos 24,26–27). Der Stein sollte ein Zeuge sein. Israel hatte damals versprochen, dem HERRN zu dienen, und Josua sagte sinngemäß: Dieser Stein hat alles gehört. Wenn ihr euren Gott verleugnet, wird er gegen euch zeugen. Jetzt steht der Stein immer noch da. Und er sieht zu, wie ein Brudermörder zum König gemacht wird. Was hätte dieser Stein wohl gesagt, wenn er hätte reden können?

Das ist das Unheimliche an diesem Vers. Die Sichemiter haben nicht etwa einen Götzenaltar als Krönungsort gewählt. Sie stehen an einem Ort, der voller Geschichte mit Gott ist. Hier hatte Abraham seinen ersten Altar gebaut, hier wurde der Bund erneuert. Die Kulisse ist fromm. Aber Gott selbst wird gar nicht gefragt.

Dabei hatte Gott ja nicht grundsätzlich etwas gegen einen König. Im Gesetz steht, dass Israel einen König einsetzen darf, aber einen, den der HERR erwählt (5Mo 17,15). Hier läuft es genau andersherum. Menschen wählen sich einen, der ihnen passt. Kein Prophet, keine Salbung, kein Gebet. Nur eine Versammlung, die sich einig ist. Kennen wir das nicht? Wir treffen eine Entscheidung, und hinterher suchen wir uns die passende fromme Umgebung dazu. Ein Bibelvers, der irgendwie passt. Ein Gemeindebeschluss, der ordentlich abgestimmt wurde. Eine Tradition, die man schon immer so gemacht hat. Alles sieht geistlich aus, aber ob Gott es so wollte, hat eigentlich keiner gefragt. Gott wird dann zur Kulisse statt zum König.

Und das kann auch in einer bibeltreuen Gemeinde passieren. Gerade da! Wir haben die richtigen Orte, die richtigen Lieder, die richtige Lehre. Gut so. Aber all das ersetzt nicht ein Herz, das wirklich fragt: Herr, was willst du? Ein Zeugenstein schützt nicht vor Untreue. Er macht sie nur sichtbar.

Wie anders ist da der König, den Gott selbst ausgewählt hat! Von ihm sagt der Psalm, dass Gott seinen König auf Zion eingesetzt hat (Ps 2,6). Kein Volk hat ihn gekrönt. Im Gegenteil: Als er nach Jerusalem kam, auf einem Esel, haben sie ihm erst zugejubelt und ein paar Tage später geschrien, dass sie keinen König haben außer dem Kaiser (Joh 19,15). Der Herr Jesus hat es einmal so gesagt: Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht auf. Wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr aufnehmen (Joh 5,43). Genau das passiert in Sichem. Abimelech kommt in seinem eigenen Namen, und sie nehmen ihn mit Freuden auf. Der wahre König kam im Namen seines Vaters, und sie haben ihm eine Dornenkrone gegeben.

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