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2. Timotheus 3,16-17

Sola Scriptura - Gottes Atem auf Papier

Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet. 2. Timotheus 3,16-17

Worms, im April 1521. Der Saal ist voll. Vorne sitzt der Kaiser, ringsum Fürsten, Bischöfe und Gesandte. In der Mitte steht ein Mönch aus Wittenberg, vor ihm ein Tisch mit seinen Büchern. Die Frage ist einfach: Widerrufst du? Luther bittet um Bedenkzeit. Am nächsten Tag antwortet er: Wenn man ihn nicht aus der Schrift oder mit klaren Gründen widerlegt, kann er nicht widerrufen. Sein Gewissen ist an Gottes Wort gebunden.

Das war kein Trotz. Das war Halt. Schon zwei Jahre vorher hatte er in Leipzig etwas Unerhörtes gesagt: "Auch Konzilien können irren". Aber wenn Päpste und Konzilien irren können, wo findet man dann festen Boden? Paulus hat diese Frage lange vor Luther beantwortet. Er sitzt im Gefängnis, sein Tod steht bevor (2Tim 4,6). Irrlehrer machen sich breit, die Zeiten sind schwer (3,1–9). Was gibt er Timotheus mit? Keine neue Strategie und kein Erlebnis. Er gibt ihm die Schrift.

Dann fällt ein Wort, das man sich merken sollte: theopneustos - von Gott gehaucht. Die Bibel ist also nicht das, was fromme Menschen sich über Gott gedacht haben. Sie ist Gottes eigener Atem, ausgesprochen durch Menschen, die vom Heiligen Geist getrieben wurden (2Petr 1,21). Darum hat jedes Wort Gewicht. Auch das kleine.

Paulus zählt auf, wozu sie nützt: zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. Sie sagt mir, was wahr ist. Sie zeigt mir, wo ich falsch liege. Sie bringt mich zurück auf den Weg und hilft mir, darauf zu bleiben. Viel mehr gibt es im Glaubensleben ja eigentlich nicht. Das Ziel steht in V. 17: Der Mensch Gottes soll vollständig ausgerüstet sein. Im Griechischen steht ein Perfekt, also etwas Abgeschlossenes, das bleibt. Nicht halb ausgerüstet und wartend auf die nächste Lieferung. Komplett.

Genau hier wird es für uns spannend. Denn die Versuchung heißt heute selten Papst. Sie kommt leiser. Ein Eindruck im Gebet. Eine „Prophetie“ am Ende eines Lobpreisabends. Ein Gefühl, das sich so richtig anfühlt. Oder einfach der Satz: „Das sieht man heute halt anders.“ Und schon steht etwas neben der Schrift. Bald darauf über ihr. Wenn die Schrift aber vollständig ausrüstet, was soll da noch fehlen? Eine zusätzliche Offenbarung wäre keine Ergänzung. Sie wäre ein Misstrauensvotum.

Luther hat die Bibel übrigens nicht nur verteidigt, er hat sie übersetzt. 1522 erschien sein Neues Testament auf Deutsch, damit auch der Bauer und die Magd selbst lesen und prüfen konnten. Das ist das Erbe der Reformation: nicht nur eine Lehre über die Bibel, sondern eine Bibel in der Hand. Und da wird es unbequem. Sola Scriptura verteidigen wir gern. Aber wann habe ich zuletzt mein Denken von der Schrift korrigieren lassen, statt sie nach meinem Denken zu sortieren? Liegt sie bei mir offen oder nur im Regal? Ist sie für mich Gottes Atem … oder einfach ein Buch?

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