Begegnung über Grenzen
„Wie erbittest du, da du doch ein Jude bist, von mir, einer Samariterin, etwas zu trinken? – Die Juden haben nämlich mit den Samaritern keinen Umgang.“ (Johannes 4,8-9)
Die Szene am Jakobsbrunnen wirkt zunächst unscheinbar. Die Jünger sind unterwegs, um Nahrung zu kaufen. Jesus bleibt allein zurück. Gerade diese scheinbare Nebensächlichkeit macht deutlich, dass das Folgende kein Zufall ist. Niemand drängt Jesus zu diesem Gespräch, niemand beobachtet ihn, niemand erwartet von ihm, dass er sich einer einzelnen Frau zuwendet. Er sucht keine Bühne und keine Anerkennung. Er ist einfach da und begegnet einem Menschen.
Die Reaktion der Frau zeigt, wie außergewöhnlich diese Begegnung ist. Sie ist überrascht, ja beinahe verwundert, fast empört. Nicht weil ein Fremder um Wasser bittet, sondern weil dieser Fremde ein Jude ist und sie eine Samariterin. Zwischen Juden und Samaritern lagen Jahrhunderte gegenseitiger Ablehnung. Man teilte zwar Teile derselben Geschichte und bekannte sich beide zum Gott Israels, aber die Unterschiede in Herkunft, Anbetung und Tradition hatten tiefe Gräben geschaffen. Misstrauen und Verachtung waren gewachsen, am Ende sogar oftmals Hass. Man ging sich aus dem Weg. Man sprach nicht miteinander, wenn man es vermeiden konnte.
Doch nicht nur ihre Herkunft machte diese Begegnung ungewöhnlich. Sie war eine Frau. In der damaligen Kultur galt es für einen jüdischen Lehrer als unangemessen, öffentlich ein längeres Gespräch mit einer fremden Frau zu führen. Viele Rabbiner hätten bewusst Abstand gehalten, um jeden Anschein von niederen Absichten zu vermeiden. Jesus dagegen lässt sich nicht von gesellschaftlichen Schranken bestimmen. Er sieht zuerst den Menschen, den verlorenen Menschen.
Dabei missachtet er weder Gottes Gebote noch verwischt er Unterschiede. Er macht aus der Samariterin keine Jüdin und nennt Irrtum später nicht Wahrheit. Aber bevor er belehrt, begegnet er. Bevor er korrigiert, macht er sich nahbar. Bevor er fordert, wendet er sich ihr zu. Darin wird etwas vom Herzen Gottes sichtbar: Jesus wartet nicht erst darauf, dass Menschen alle Voraussetzungen erfüllen. Er beginnt nicht mit Distanz, sondern mit Zuwendung. Er überschreitet Grenzen, die Menschen errichtet haben, ohne die Wahrheit aufzugeben.
Das ist auch für uns eine stille, aber tiefgehende Mahnung. Wie leicht teilen wir Menschen in „uns“ und „die anderen“ ein. Herkunft, Kultur, politische Überzeugungen, soziale Schichten oder religiöse Prägungen werden zu Mauern, hinter denen wir bleiben. Wir sprechen lieber über Menschen als mit ihnen. Wir begegnen ihnen als Kategorien und nicht als Personen.
Jesus zeigt einen anderen Weg. Er sieht nicht zuerst den Fremden, sondern den Menschen. Er sieht nicht zuerst die Geschichte der Trennung, sondern die Möglichkeit der Begegnung. Seine Liebe wird nicht durch Vorurteile begrenzt und seine Gnade nicht durch menschliche Grenzen aufgehalten. Darum darf auch die Gemeinde Jesu kein Ort sein, an dem Mauern gepflegt werden, sondern ein Ort, an dem Menschen erfahren, dass Christus sie anspricht. Denn der Herr, der sich nicht scheute, mit einer Samariterin zu reden, ist derselbe Herr, der auch heute Menschen sucht, die sich fern fühlen, die ausgegrenzt sind oder die meinen, sie gehörten nicht dazu.
Noch wissen wir aus diesen Versen nicht, wohin dieses Gespräch führen wird. Aber schon jetzt wird deutlich: Wo Jesus einem Menschen begegnet, sind Herkunft, Geschlecht und alte Feindschaften nicht das, was zählt. Das Erste ist, dass der Sohn Gottes selbst das Gespräch beginnt.