Johannes 4,40-41
Bleib doch noch!
Als nun die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb zwei Tage dort. Und noch viel mehr Leute glaubten um seines Wortes willen. Johannes 4,40-41
Stell dir die Szene vor: Eine Frau kommt aufgeregt vom Brunnen zurück in ihre Stadt und erzählt allen von einem Mann, der ihr ganzes Leben kennt. Die Leute werden neugierig, gehen hinaus und stehen plötzlich vor Jesus.
Jesus hatte seinen Jüngern kurz vorher gesagt: „Seht die Felder an, sie sind weiß zur Ernte.“ Und jetzt kommt diese Ernte buchstäblich den Weg herauf. Vom Hörensagen zu Jesus selbst Die Samariter hatten schon angefangen zu glauben, einfach weil die Frau von Jesus erzählt hatte. Aber sie bleiben nicht beim Bericht stehen, sie wollen ihn selbst kennenlernen.
Johannes sagt schlicht: Sie „kamen zu ihm“. Das klingt nach einem Spaziergang, ist bei Johannes aber viel mehr. „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern“, sagt Jesus in Kapitel 6. Zu Jesus kommen ist bei Johannes ein Bild für den Glauben selbst. Und Jesus fügt hinzu, dass niemand kommen kann, wenn der Vater ihn nicht zieht. Hinter dem Weg der Samariter steckt also Gottes Gnade, nicht ihr eigener Verdienst.
Und dann diese Leute: Samariter! Für fromme Juden damals war das so ziemlich das Letzte. Man redete nicht mit ihnen, man aß nicht mit ihnen. Und ausgerechnet sie öffnen Jesus ihre Türen, während es am Anfang des Evangeliums heißt: „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“
Und dann wird es spannend. Im Griechischen steht hier das Verb ménein, „bleiben“. Johannes benutzt dieses Wort rund vierzigmal, und fast immer schwingt mehr mit als nur ein Übernachtungsbesuch. Schon die ersten Jünger fragten Jesus in Kapitel 1: „Wo bleibst du?“, gingen mit und „blieben bei ihm“, wörtlich dieselbe Formulierung wie bei den Samaritern. Und in Johannes 15 wird dasselbe Wort zum Herzstück des Glaubenslebens: „Bleibt in mir und ich in euch.“ Aus dem „bei ihm bleiben“ wird das „in ihm bleiben“, aus dem Besuch eine Lebensgemeinschaft. Wie eine Rebe am Weinstock lebt ein Christ von der Verbindung zu Christus.
Übrigens bitten die Samariter nicht nur einfach einmal höflich. Die Zeitform deutet an, dass sie immer wieder baten. Wer Jesus einmal begegnet ist, will ihn nicht gleich wieder gehen lassen. Erinnert ein bisschen an die Emmaus-Jünger: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Jesus bleibt, allerdings nur zwei Tage. Sein Auftrag führte ihn weiter nach Galiläa. Aber diese zwei Tage sind ein Vorgeschmack: Jahre später predigt Philippus in Samaria, und das Evangelium läuft genau dort weiter, wo Jesus selbst gesät hat.
Und dann Vers 41: „Noch viel mehr Leute glaubten um seines Wortes willen.“ Achte mal darauf, was fehlt. In Samaria passiert kein einziges Wunder. Keine Heilung, kein Zeichen, kein Spektakel. Nur Jesus, der redet, und Menschen, die zuhören. Das ist umso auffälliger, weil Johannes direkt daneben ganz andere Geschichten erzählt. In Jerusalem glaubten viele, weil sie Zeichen sahen, aber Jesus „vertraute sich ihnen nicht an“. Und gleich im nächsten Abschnitt seufzt er in Galiläa: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ Die Samariter, die Außenseiter, haben genau den Glauben, den Jesus sucht: einen Glauben, der am Wort hängt. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus später zu Thomas.
Paulus bringt es auf den Punkt: „Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi.“ Gott braucht kein Feuerwerk, um Herzen zu verändern. Er redet, und sein Wort wirkt.
Was können wir heute daraus lernen? Erstens: Sei wie die Frau am Brunnen. Erzähl von Jesus, aber bring die Leute zu ihm, nicht zu dir. Unser Zeugnis ist ein Wegweiser, nicht das Ziel. Heute redet Christus durch sein Wort, die Bibel. Dort sollen Menschen ihm begegnen. Zweitens: Bau deinen Glauben nicht auf Gefühle oder besondere Erlebnisse. Die kommen und gehen. Christi Wort bleibt. Wer darauf steht, steht fest. Drittens: Bete wie die Samariter: „Herr, bleib bei mir!“ Und dann bleib du in ihm, Tag für Tag, in seinem Wort, im Gebet, in der Gemeinde. Und viertens: Wenn Jesus bei Samaritern einkehrt, dann gibt es niemanden, dem wir ihn vorenthalten dürften. Die Felder sind immer noch weiß zur Ernte.
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