Richter 9,8-9
Lieber Öl als Krone
Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben, und sie sprachen zum Ölbaum: Sei unser König! Aber der Ölbaum antwortete ihnen: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Götter und Menschen an mir preisen, und hingehen, um die Bäume zu beschirmen? Richter 9,8-9
Schwanken. Das ist das Wort, das im Hebräischen am Ende dieses Verses steht. Wo unsere Übersetzung vom Beschirmen spricht, fragt der Ölbaum eigentlich: Soll ich hingehen, um über den Bäumen hin und her zu schwanken? Dasselbe Wort beschreibt Kain, der unstet und flüchtig umherirrt. So sieht der Ölbaum das Königtum: nicht als Thron, sondern als wackeligen Posten im Wind.
Aber der Reihe nach. Jotham steht auf dem Garizim und erzählt den Sichemiten eine Fabel. Die Bäume wollen einen König. Und zwar dringend: Der Grundtext verdoppelt das Verb (gehend gingen sie), sie gehen wirklich los, fest entschlossen. Niemand hat sie gerufen, Gott schon gar nicht. Sie wollen einen König „über sich salben“. Eigentlich salbt in Israel Gottes Prophet den König, den Gott erwählt hat. Hier nehmen die Bäume das einfach selbst in die Hand.
Und wen fragen sie zuerst? Den Ölbaum! Ausgerechnet den... Man will mit Öl salben und bittet den Baum, der das Öl liefert, sich doch bitte selbst salben zu lassen. Da muss man schon schmunzeln. Der Ölbaum winkt ab. Seine Begründung: meine Fettigkeit. Das klingt für uns erst mal wenig schmeichelhaft, aber das hebräische dešen meint Fülle, Saft, Segen. Mit diesem Öl brannte der Leuchter im Heiligtum, mit ihm wurde das Speisopfer zubereitet, mit ihm wurden Priester gesalbt und Gäste geehrt. Gott wird damit geehrt, Menschen werden damit gesegnet. Dafür hat Gott diesen Baum gepflanzt. Und das soll er jetzt alles stehen und liegen lassen, um oben in der Luft zu schaukeln?
Natürlich nicht! Ein Ölbaum braucht Jahre, bis er trägt, aber dann gibt er über Generationen Frucht. Er steht fest, seine Wurzeln reichen tief. Ein König über die Bäume müsste genau das aufgeben: den festen Stand, die Wurzeln, die Frucht. Übrig bliebe ein Baum, der viel Wind macht, aber nichts mehr gibt.
Die Sichemiten haben verstanden, wen Jotham meint. Gideon hatte die Krone abgelehnt, weil der HERR über Israel herrschen sollte (Ri 8,23). Der edle Baum hat Nein gesagt. Wer jetzt auf dem Thron sitzt, ist aus anderem Holz geschnitzt.
Und doch zeigt dieser Ölbaum über Gideon hinaus. Als die Menge nach der Speisung der Fünftausend Jesus mit Gewalt zum König machen wollte, zog er sich allein auf den Berg zurück (Joh 6,15). Die Krone von unten nahm er nicht. Er ist der wahre Gesalbte, der Messias, aber sein Königtum empfängt er vom Vater. Und der Weg dorthin führte nicht über einen Volksentscheid, sondern über das Kreuz.
Abimelech greift nach der Macht über die Leichen seiner Brüder. Christus gibt sein eigenes Leben für seine Brüder. Der eine schwankt über den Bäumen, bis er fällt. Der andere wird einmal sichtbar herrschen, fest und gerecht, weil Gott selbst ihn eingesetzt hat.
Und ich? Wofür hat Gott mich gepflanzt? Und schiele ich manchmal mehr auf den Platz über den anderen als auf die Frucht an meinem eigenen Zweig?
- Salbung
- Berufung
- Christus